Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Ich Steppenwolf trabe und trabe,
Die Welt liegt voll Schnee,
Vom Birkenbaum flügelt der Rabe,
Aber nirgends ein Hase, nirgends ein Reh!
In die Rehe bin ich so verliebt,
Wenn ich doch eins fände!
Ich nähm's in die Zähne, in die Hände,
Das ist das Schönste, was es gibt.
Ich wäre der Holden so von Herzen gut,
Fräße mich tief in ihre zärtlichen Keulen,
Tränke mich voll an ihrem hellroten Blut,
Um nachher die ganze Nacht einsam zu heulen.
Sogar mit einem Hasen wär ich zufrieden,
Süß schmeckt sein warmes Fleisch in der Nacht -
Ist denn alles und alles von mir geschieden,
Was das Leben ein wenig heiterer macht?
An meinem Schwanz ist das Haar schon grau,
Auch kann ich gar nimmer deutlich sehen,
Schon vor Jahren starb meine liebe Frau.
Und nun trab ich und träume von Rehen,
Trabe und träume von Hasen,
Höre den Wind in der Winternacht blasen,
Tränke mit Schnee meine brennende Kehle,
Trage dem Teufel zu meine arme Seele.
There was a young hunter named Shepherd
Who was eaten for lunch by a leopard.
Said the leopard, "Egad!
You'd be tastier, lad
If you had been salted and peppered!"
Im heil'gen Teich zu Singapur,
Da liegt ein altes Krokodil
Von äußerst grämlicher Natur
Und kaut an einem Lotosstiel.
Es ist ganz alt und völlig blind,
Und wenn es einmal friert des Nachts,
So weint es wie ein kleines Kind,
Doch wenn ein schöner Tag ist, lacht's.
Si tu vas dans les bois,
Prends garde au léopard.
Il miaule à mi-voix
Et vient de nulle part.
Au soir, quand il ronronne,
Un gai rossignol chante,
Et la forêt béante
Les écoute et s'étonne,
S'étonne qu'en ses bois
Vienne le léopard
Qui ronronne à mi-voix
Et vient de nulle part.
Vom Fuchs und dem Eichelhäher
Robert Gernhardt (1937- )
"Nur die Nähe bringt uns näher",
sprach der Fuchs zum Eichelhäher.
"Nichts kann edle Herzen trennen,
die sich aus der Nähe kennen!"
Und hat ihn beim Schopf genommen-
näher kann man sich nicht kommen.
Dans la savane
on le reconnaît de loin
le lion
avec sa crinière de feu
son rugissement implacable
ses griffes et ses crocs redoutables
son regard
d’or en fusion
Au zoo
vous avez remarqué
ses yeux sont voilés
ses griffes limées
il perd ses poils et ses dents
il ne rugit plus il tremble
et sa crinière ressemble
à un vieux manteau mité
Alors s’il vous plaît
juste une question
Et si nous ouvrions
la cage aux lions ?
Blown out of the prairie in twilight and dew,
Half bold and half timid, yet lazy all through;
Loath ever to leave, and yet fearful to stay,
He limps in the clearing, an outcast in gray.
A shade on the stubble, a ghost by the wall,
Now leaping, now limping, now risking a fall,
Lop-eared and large-jointed, but ever alway
A thoroughly vagabond outcast in gray.
Here, Carlo, old fellow,--he's one of your kind,--
Go, seek him, and bring him in out of the wind.
What! snarling, my Carlo! So even dogs may
Deny their own kin in the outcast in gray.
Well, take what you will--though it be on the sly,
Marauding or begging,--I shall not ask why,
But will call it a dole, just to help on his way
A four-footed friar in orders of gray!
Pour faire ma barbe
Je veux un blaireau,
Graine de rhubarbe,
Graine de poireau.
Par mes poils de barbe !
S'écrie le blaireau,
Graine de rhubarbe,
Graine de poireau,
Tu feras ta barbe
Avec un poireau,
Graine de rhubarbe,
T'auras pas ma peau.
Wie der Wärter dem Löwen das
Menschenfressen abgewöhnt hat
JoachimRingelnatz (1883-1934)
Der Löwenwärter der kluge Mann
Sah jeden Tag sinnend zum Fenster raus
Wie er das Menschenfressen abgewöhnen kann
Dem Löwen endlich hat er’s raus.
Der Wärter war ein kluger Mann
Er zog sich eine Puppe an,
In Lebensgröße und aus Stroh
Zog ihr dann an ne’n Paletot,
Die Hosen die ihm viel zu klein
Streut er dann stark mit Pfeffer ein,
Und fertig ist der ganze Mann.
Er wirft ihn zu dem Löwen dann,
Der schmunzelnd sich beschaut den Mann,
Er springt hinzu nun voller Freude,
Und beißt hinein in seine Beute,
Pfui, Spinne! – ruft er plötzlich aus
Das war einmal ein schlechter Schmaus,
Da schmeckt doch Pferdefleisch viel besser,
Ich werde nie ein Menschenfresser,
Er lärmt und brüllt: das ist nicht recht,
Das ist doch wirklich mehr als schlecht.
Mir solches Menschenfleisch zu geben,
Ja, ja! So sind die Menschen eben,
Er tat seit dieser bösen Zeit,
Nicht einem Menschen mehr ein Leid,
Der Löwe hat das Fressen satt
An einem Menschen der Hosen hat.
The polar bear by being white
gives up his camouflage at night,
And, yet without a thought or care,
he wanders here, meanders there,
and gaily treads the ice floes
completely unconcerned with foes.
For after dark nobody dares
to set out after polar bears.
I am writing these poems
From inside a lion,
And it's rather dark in here.
So please excuse the handwriting
Which may not be too clear.
But this afternoon by the lion's cage
I'm afraid I got too near.
And I'm writing these lines
From inside a lion,
And it's rather dark in here.